| Gerold Ungeheuer: Anthropologische Grundlagen der Kommunikation |
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Inhaltsverzeichnis1. Erfahrungen machen2. Merkmale menschlichen Erfahrens
1. Erfahrungen machenEine der wesentlichen Grundannahmen der Kommunikationstheorie Ungeheuers ist darin zu sehen, dass Kommunikation eine Sozialhandlung ist, an der mindestens zwei menschliche Individuen beteiligt sind. Der Mensch mit seinen spezifischen Eigenschaften und Fähigkeiten muss dementsprechend in einer Theorie der Kommunikation adäquat begrifflich repräsentiert sein. Das menschliche Individuum spielt in Ungeheuers Ansatz bei der Theorieentwicklung also eine fundamentale Rolle. Fundamental deshalb, weil Menschen sich im Kommunikationsakt mit ihren individuell ausgebildeten Erfahrungssystemen wechselseitig gegenüberstehen und das Problem entsteht, wie und warum Verstehen und Verständigung trotzdem prinzipiell möglich ist bzw. von den Kommunikationspartnern als prinzipiell möglich erfahren wird. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist, dass Menschen in der Lage sind, etwas zu erfahren (oder präziser: Menschen sind immer dabei, etwas zu erfahren; sie können nicht nicht erfahren), und dass dieses menschliche Erfahren spezifische Eigenschaften aufweist, die unmittelbare Folgen für die Beschreibung des Kommunikationsprozesses haben, welche in einer Kommunikationstheorie erfasst werden müssen (vgl. Ungeheuer 1987, 304 f.). Der Prozess des menschlichen Erfahrens von etwas weist eine Reihe von Merkmalen auf. 2. Merkmale menschlichen ErfahrensMerkmale menschlichen Erfahrens Menschliches Erfahren ist zunächst einmal comprehensiv. In jeder Erfahrung wird ein gewisser Inhalt, ein „Etwas" erfahren, d. h. im Prozess des Erfahrens, erfasst der Mensch etwas, repräsentiert er sich etwas. Dieses „Etwas" können Objekte, Gegenstände, Vorstellungen oder ähnliches sein. Außerdem können dieselben Dinge mehrmals erfahren werden, sodass man zwischen Erfahrungsakt und Erfahrungsinhalt unterscheiden muss. Menschliches Erfahren ist zugleich reflexiv. Man kann erfahren, dass man etwas erfährt, d. h. der Erfahrungsakt kann zum Erfahrungsinhalt einer Selbsterfahrung werden. Vor allem aber ist menschliches Erfahren dichotom. Es gibt äußere und innere Erfahrungen. Eine äußere Erfahrung können mehrere Menschen über denselben Weltausschnitt in gleicher Weise machen, sie basiert auf sinnlicher Wahrnehmung. Das, was ein Individuum als außerhalb von sich selbst erfährt, kann auch von anderen Menschen in ähnlicher Weise erfahren werden. Dies sind beispielsweise die Dinge mit denen der einzelne umgeht und die Mitmenschen, die er wahrnehmen und mit denen er interagieren kann. Eine innere Erfahrung hingegen bezieht sich auf den inneren Bereich des Menschen und ist in ihrer Eigenart nur dem erfahrenden Individuum zugänglich. Dies sind beispielsweise die Gefühle, Empfindungen, Gedanken, Pläne und Absichten, die der Einzelne hat und die allein seine sind, die dem anderen genauso wenig zugänglich sind, wie die mentalen Zustände und Prozesse des anderen ihm zugänglich sind. Diese prinzipielle Zweiteilung wird von Ungeheuer als Innen-Außen-Dichotomie bezeichnet und als wesentliches Fundament des menschlichen Lebens angesehen. Der Prozess des Erfahrens selbst ist immer individuell, da die Erfahrung und die erfahrenen Inhalte zur inneren Erfahrung gehören, die von anderen Individuen unmittelbar nicht nachzuvollziehen ist. Schließlich ist – so vermutet Ungeheuer – menschliche Erfahrung immer theoretisch. Jedes menschliche Individuum ordnet seine Erfahrungen nach bestimmten Kriterien und Prinzipien zu einem möglichst stimmigen Ganzen und vor diesem Erfahrungshorizont deutet und integriert es neue Erfahrungen und reinterpretiert schon gemachte Erfahrungen. Die Kommunikationspartner konfrontieren sich also wechselseitig mit ihren individuellen Welttheorien. Eine weitere wesentliche Unterscheidung ist darin zu sehen, dass Menschen etwas erzwungenermaßen oder absichtsvoll erfahren können. Einerseits erfahren Menschen etwas, ob sie wollen oder nicht, z.B. Straßenlärm, Schmerz, Freude, Traurigkeit, Dunkelheit der Nacht, Kälte. Diese Erfahrungen werden also gemacht, ohne dass sie planmäßig herbeigeführt würden. Solche Erfahrungen nennt Ungeheuer koerzitiv. Andererseits streben Menschen aber auch Erfahrung an und führen sie mit Absicht und zielorientiert herbei, z.B. den Genuss eines guten Essens, das Wohlgefühl eines entspannenden Bades, die Hochspannung eines Bungee-Sprunges usw.. Solche Erfahrungen nennt Ungeheuer quaesitiv. Wenn der Mensch sich mögliche Erfahrung absichtsvoll als Ziel setzt, muss er über die Fähigkeit verfügen, diese mental vorwegzunehmen d.h. er antizipiert die Erfahrung, die er noch nicht gemacht hat und strebt danach, diese Erfahrung vollzogen zu haben. Die Innen-Außen-Dichotomie gilt für jede Form der Erfahrung, also gibt es, innere koerzitive Erfahrungen und äußerer koerzitive Erfahrungen sowie innere quaesitive Erfahrungen und äußere quaesitive Erfahrungen. Wesentlich für den Kommunikationsprozess ist, dass das einzelne Individuum absichtsvoll versuchen kann, beim anderen eine bestimmte – innere – Erfahrung zu evozieren. "Kommunikationen sind Veranstaltungen von Sprechern, die beabsichtigen, Hörer bestimmte innere Erfahrungen, Erfahrungen des Verstehens, vollziehen zu lassen. Die verstehende Erfahrung, auf welche die Kommunikation abzielt, ist innere Erfahrung des Hörers; die Intention des Sprechers auf das Hörerverstehen ist ebenso innere Erfahrung, ist innere Handlung des Sprechers." Die Innen-Außen-Dichotomie sowie die individuelle Welttheorie bilden den Kern des kommunikationstheoretischen Ansatzes von Gerold Ungeheuer. Diese besonderen Merkmale menschlichen Erfahrens nötigen einerseits die Individuen zur Kommunikation, andererseits erschweren sie die Bewertung des Kommunikationserfolges. Die Differenz von Innen und Außen ist uns allen bewusst, viele Redewendungen im alltäglichen Sprachgebrauch weisen darauf hin. So sagt man beispielsweise "Man kann den anderen nur vor den Kopf schauen" oder "Man kann in andere nicht hinein sehen" usw.. Die Erfahrungen unserer Mitmenschen, genauso wie ihre inneren Handlungen, sind uns also nicht unmittelbar zugänglich. "Und diese Zweiteilung menschlicher Erfahrung ist Fundamentalstruktur, sie kann nicht beseitigt oder übersprungen, sie kann nur vermittelt werden, und alle Kommunikation hat in diesem 'psychischen Urphänomen' ihren Ausgang und ihre Veranlassung." Kommunikation vermag die Kluft zwischen den Individuen zu vermitteln und ermöglicht so die Orientierung auf den anderen in der alltäglichen Kooperation und Koordination. Die Kommunikation hat also die Aufgabe, die Innen-Außen-Dichotomie zu vermitteln.Die Individualität menschlicher Erfahrung sowie die daraus resultierende grundsätzliche Differenz der Erfahrungsinhalte einzelner Individuen verbunden mit der Dichotomie aller Erfahrung gehört nach Ungeheuer zu den ersten Beschreibungselementen, auf denen eine Kommunikationstheorie begründet werden muss (vgl. Ungeheuer 1987, 308). Erworbene Erfahrung ist zentraler Bestandteil der individuellen Welttheorie. Sie ist individuell, weil die jeweilige Erfahrung in spezifischen, biographisch je einmaligen und unwiederholbaren sozialen Situationen gemacht werden muss. Die individuelle Welttheorie ist jedoch nicht nur eine Ansammlung von gemachter Erfahrung, sie hat auch die Funktion, Erfahrungen zu erklären, ähnlich einer wissenschaftlichen Theorie. Vor allem aber steuert die individuelle Welttheorie den Erwerb neuer Erfahrung in Form einer breiten Schicht von Annahmen über die Welt. Diese sehr breite Schicht von Annahmen über die Welt kann als Komplex von Vor-Urteilen verstanden werden, weil die auf Erfahrung basierenden Annahmen über die Wirklichkeit individueller Natur sind und nicht intersubjektiv als richtig oder adäquat beurteilt werden können. Während wissenschaftliche Theorien den rationalen Kriterien der Wissenschaftstheorie unterliegen, spielen bei der individuellen Welttheorie vor allem auch Gefühle die Rolle von Begründungsinstanzen. Es wird also immer nur nach vorhandenen Vor-Urteilen über die Welt erfahren. Diese sind gewissermaßen Filter von Erfahrungen, die aber auch von gemachten Erfahrungen verändert werden können. Die individuelle Welttheorie wird also ständig modifiziert und restrukturiert. Wesentlich dabei ist, dass ich nicht über eine individuelle Welttheorie verfüge, sondern dass das ‘Ich’ nichts anderes ist als dieses Erfahrungssystem: "Das von mir im Umriß beschriebene, vielgliedrige und in der ständigen Bewegung des Aufbaus und Abbaus sich befindliche, manchmal als in mir strömend erlebte Erfahrungssystem, das ich bin, nenne ich in begrifflicher Repräsentation meine individuelle Welttheorie." Die individuelle Welttheorie kann neben der Innen-Außen-Dichotomie als zweiter wesentlicher Ausgangspunkt der Kommunikationstheorie Ungeheuers bezeichnet werden, da die spezifische Individualität von Welttheorien die Menschen zur Kommunikation nötigt. Wenn den handelnden Individuen die inneren Erfahrungen ihrer jeweiligen Kooperationspartner direkt und unmittelbar zugänglich wären (etwa durch Telepathie), wenn es ihnen gelänge, direkt in das Innenleben des anderen vorzudringen und seine individuellen Erfahrungen zu teilen oder sie zu beeinflussen, dann würde Kommunikation nicht benötigt. In der Unmöglichkeit, unmittelbar die inneren Erfahrungen des anderen zu erfassen und zu verstehen, liegt die Notwendigkeit von Kommunikation begründet, denn sie ist das unverzichtbare Medium, um innere Erfahrung anderen mitzuteilen. In die individuelle Welttheorie jedes Menschen ist eine individuelle Kommunikationstheorie eingebettet. Diese besteht aus Erfahrungen über Kommunikation, nach denen Kommunikationshandlungen geplant und ausgeführt werden und nach deren Kriterien kommunikative Verstehensakte als erfolgreich bzw. als gescheitert erlebt werden. Ohne diese jeweiligen individuellen Kommunikationstheorien wären Kommunikationshandlungen zwischen Menschen überaus schwierig zu vollziehen. Das Problem einer wissenschaftlichen Kommunikationstheorie besteht dann vor allem darin, dass sie erklären muss, wie Menschen mit ihren unterschiedlichen individuellen Kommunikations- und Welttheorien sich überhaupt verständigen, d.h. kommunizieren können. "Jeder Mensch, mit dem ich es zu tun habe, konfrontiert mich mit seiner individuellen Welttheorie. Wie es aber dazu kommt, daß in großen Menschengruppen die Meinung und wohl auch die Erfahrung vorherrscht, es gäbe weithingehend übereinstimmende Teile der Welttheorien, dies kann erst beschrieben werden, wenn einige Erfahrungen über die Sozialhandlung der sprachlichen Kommunikation und über die Zeichensysteme festgehalten worden sind." Neben der anthropologischen Komponente gilt es also, eine soziologische und semiotische Komponente bei der Begründung einer Kommunikationstheorie zu berücksichtigen. Ungeheuer nimmt die Möglichkeit der menschlichen Erfahrung zum Ausgangspunkt seiner Argumentation und versucht zu zeigen, dass Kommunikation bedingt ist durch die spezifische Konstitution des Menschen. Die Innen-Außen-Dichotomie sowie die individuelle Weltheorie sind dabei die grundlegenden Merkmale. Einerseits geben sie erst Veranlassung zur Kommunikation, da den handelnden Individuen die Innenwelt des jeweils anderen nicht direkt und unmittelbar zugänglich sind, anderseits bedingen sie grundlegende Probleme bei der Überprüfung des Kommunikationserfolges. Weiterhin können Menschen etwas quaesitiv, d.h. absichtsvoll, oder koerzitiv, also unter Zwang, erfahren. Nun kann das handelnde Individuum nicht nur versuchen, eigene Erfahrungen planvoll herbeizuführen, sondern auch andere etwas erfahren zu lassen. Ein Individuum versucht durch seine Handlungen, etwa sprachliche Äußerungen, die Handlungen oder Erfahrungen eines anderen Individuums zu beeinflussen. Durch die Verwendung sprachlicher Zeichen versucht also der Sprecher den Hörer zu inneren Erfahrungen anzuregen, die man als Verstehen bezeichnen kann. "In diesem Sinne ist seine sprachliche Formulierung, ist jedes Sprachzeichen Plan und Anweisung an den Hörer innere Erfahrungsakte zu vollziehen, von denen der Sprecher annimmt, sie hätten diejenigen Wissens-Inhalte zum Objekt, die er intendiert zu kommunizieren." Die in Kommunikation antizipierte, planvoll herbeigeführte Erfahrung ist eine innere Erfahrung des Hörers und liegt im Akt des Verstehens. Die Intention des Sprechers, einen anderen eine bestimmte Erfahrung machen zu lassen, ist wiederum eine innere Erfahrung des Sprechers. Diese innere Erfahrung des Sprechers betrifft Wissensinhalte und Vorstellungen, die eben seine sind und nicht die des Hörers. Die verstehende Erfahrung, auf welche die Kommunikation abzielt, ist hingegen innere Erfahrung und innere Handlung des Hörers. Aufgrund der Innen-Außen-Dichotomie sind Sprecher und Hörer die individuellen Welttheorien des anderen jedoch nicht unmittelbar zugänglich. Die inneren Erfahrungen und Handlungen von Sprecher und Hörer lassen sich nur über äußere Erfahrungen vermitteln, die von den Kommunikationspartnern als gleiche erfahren werden können. Äußere Erfahrungen müssen ermöglicht werden, um die inneren Erfahrungen bzw. Handlungen von Sprecher und Hörer zu koordinieren. Diese Vermittlung geschieht durch den Einsatz von verbalen sowie nonverbalen Zeichen, deren materielle Gestalt von Sprecher und Hörer gleichermaßen erfahrbar sind und von denen beide annehmen, dass sie ihnen dasselbe bedeuten. Auch die Überprüfung des Kommunikationserfolges kann stets nur vermittelt über äußere Erfahrungen vorgenommen werden, damit bleibt notwendigerweise stets eine Ungewissheit darüber, ob die inneren Erfahrungen oder Handlungen von Sprecher und Hörer hinreichend koordiniert worden sind, d.h. Kommunikation ist prinzipiell fallibel.
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