| Niklas Luhmann: Interaktion und Gesellschaft |
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Inhaltsverzeichnis1. Grenzfälle der Gesellschaftstheorie1.1. Systemtypen1.2. Bildung von Systemtypen2. Die Rolle von Kommunikation3. Die zeitliche Dimension der Sozialsysteme4. Zusammenfassung
1. Grenzfälle der GesellschaftstheorieEine universale, der Komplexität der Weltgesellschaft hinreichend gerecht werdende, Gesellschaftstheorie ist nach Luhmann mit zwei Grenzfällen konfrontiert: zum einen mit der elementaren sozialen Form der Interaktion und zum anderen mit der alle sozialen Ereignisse und Prozesse umfassenden Form der Gesellschaft (vgl. Luhmann 1975b, 21). Zusätzlich muss in einer Gesellschaftstheorie der mittlere, also zwischen Interaktion und Gesellschaft stehende, Typus organisierter Sozialsysteme berücksichtigt und hinsichtlich seiner Selektions- und Konstitutionsprinzipien beschrieben werden. Unter diesen Gesichtspunkten entwirft Luhmann in seiner allgemeinen Theorie sozialer Systeme die Ebenen- und Formendifferenzierung von Interaktion, Organisation und Gesellschaft. 1.1. SystemtypenDiese drei Typen von Sozialsystemen haben sich im Zuge der soziokulturellen Evolution eigenständig ausdifferenziert und voneinander entkoppelt. Sie sind allesamt das Ergebnis funktionaler Differenzierung, also mithin des Evolutionsprozesses durch soziale Variation und Selektion, aus der insbesondere als wesentliches Charakteristikum der modernen Weltgesellschaft die Funktionssysteme, wie etwa Recht, Politik, Wirtschaft oder Kunst, hervorgegangen sind. Infolge dieses Evolutionsschubs ist Gesellschaft weder auf einen sozialen Typus reduzierbar noch hinreichend über einen exklusiv beschreibbar. Stattdessen ist die moderne Gesellschaft das umfassende, alle Funktions-, Organisations- und Interaktionssysteme einschließende Sozialsystem. Diese unterschiedlichen Systemtypen selbst gehen dabei eine jeweils spezifische Umweltbeziehung zu anderen Sozialsystemen ein, d.h. Interaktionen werden auch in Organisationen vollzogen, so wie etwa auch organisationale Kommunikation an funktionssystemspezifische Kommunikationen angebunden wird. Jeder Systemtypus folgt damit einer autonomen Eigenlogik der Operationsweise, der Selbstschließung, des Strukturaufbaus und etwa der Bezugnahme auf seine Umwelt. Alle sozialen Systeme produzieren, reproduzieren und relationieren zwar ihre genuinen Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen – und dies geschieht alles immer und ausschließlich durch Kommunikation–, aber die autopoietische Operations- und Organisationsweise fällt je nach Systemtypus anders aus, und folglich werden die jeweiligen Kommunikationen zu den anderen Systemen different prozessiert und different aufeinander bezogen. 1.2. Bildung von SystemtypenZur Bildung besonderer Systemtypen, trotz – oder besser: gerade aufgrund – identischer Elemente: nämlich Kommunikation in der Einheit ihrer triadischen Selektion von Information, Mitteilung und Verstehen, schreibt Luhmann: "Soziale Systeme können sich auf verschiedene Weise bilden je nach dem, unter welchen Voraussetzungen der Prozeß der Selbstselektion und der Grenzziehung abläuft. Unter diesem Gesichtspunkt lassen sich Interaktionssysteme, Organisationssysteme und Gesellschaftssysteme unterscheiden." Für die folgenden Ausführungen zentral ist die Unterscheidung zwischen Interaktion und Gesellschaft. Diese Unterscheidung führt zwangsläufig zur "Nichtidentität von Gesellschaft und Interaktion" (Luhmann 1984, 552) und bedeutet noch einmal: Die moderne Gesellschaft kann weder hinreichend als Interaktion beschrieben werden noch geht Gesellschaft in der Summe an bestehenden Interaktionssystemen auf. Für das Verhältnis von sozialem System und seiner Umwelt hat das mit Blick auf Gesellschaft zur Folge, dass außerhalb der Gesellschaft keine Kommunikation und mithin kein anderes soziales System existiert; mit Blick auf die Interaktion heißt dies, dass außerhalb ihrer sowohl organisationale und funktionssystemspezifische Kommunikationen prozessiert werden als auch nicht-soziale Systeme, wie etwa psychische, neuronale oder technische Systeme, existieren. Und trotz bzw. wegen der Unterscheidung von Gesellschaft und Interaktion ist jeder Vollzug von Interaktion, jede Selbstschließung eines Interaktionssystems, selbstredend Vollzug von Gesellschaft. Während jede Interaktion damit Gesellschaft realisiert, und zugespitzt formuliert: ohne Gesellschaft nicht zustande kommen könnte, gilt in keinem Fall für die moderne Weltgesellschaft – wie dies noch für archaisch-segmentäre Gesellschaftsformen zugetroffen hat –, dass Gesellschaft sich als bzw. in Interaktion reproduziert. Mit Blick auf die durch die Unterscheidung bezeichenbare Seite der Interaktion beschreiben wir im weiteren die grundlegenden Merkmale des einfachen Sozialsystems, seine Kommunikationsform und exemplifizieren einige Grundmuster seines Binnenaufbaus. In der Soziologie ist die Interaktionsforschung prominent etwa von Erving Goffman betrieben worden, und einige gesellschaftstheoretische Überlegungen zur Differenz von Interaktion und Gesellschaft sind des Weiteren bei Georg Simmel in dessen Konzept der sozialen Wechselwirkung wie auch in der Vergesellschaftungsform des Tausches oder der Geselligkeit angelegt. Wir werden demgegenüber ausschließlich bei der systemtheoretischen Perspektive Luhmanns bleiben. 2. Die Rolle von KommunikationDas Abgrenzungs- und Selbstschließungskriterium für die Einheit des Gesellschaftssystems als Weltgesellschaft ist Kommunikation. Für das Interaktionssystem muss dieses Abgrenzungs- und Selbstschließungskriterium weiter spezifiziert werden. Damit stellt sich die Frage, wie interaktionale Kommunikation zustande kommt und durch welche spezifische Kommunikationsform dieser einfache soziale Systemtypus produziert, reproduziert und organisiert wird. Eine erste Antwort lautet: Das fundamentale Abgrenzungs- und Konstitutionsmerkmal ist Anwesenheit bzw. die soziale Form anwesend/abwesend. Mit einigen Belegstellen Luhmanns kann dieser primäre Zuschnitt der Definition des Interaktionssystems etwas ausführlicher abgegriffen werden. "Interaktionssysteme kommen dadurch zustande, daß Anwesende sich wechselseitig wahrnehmen. Das schließt die Wahrnehmung des Sich-Wahrnehmens ein. Ihr Selektionsprinzip und zugleich ihr Grenzbildungsprinzip ist die Anwesenheit. Wer nicht anwesend ist, gehört nicht zum System – wie eng immer im übrigen seine Beziehungen zu den Teilsystemen sein mögen. [...] Diese Systemgrenze zeigt sich darin, daß man nur mit Anwesenden, aber nicht über Anwesende sprechen kann; und umgekehrt nur über Abwesende, aber nicht mit ihnen." "Wir wollen als definierendes Merkmal für 'elementare Interaktion' ebenso wie für 'einfaches Sozialsystem' die Anwesenheit der Beteiligten benutzen. Die Beteiligten sind diejenigen, die eigenes Erleben und Handeln zur jeweiligen Interaktion beisteuern. Anwesend sind sie, wenn und soweit sie einander wechselseitig (also nicht nur einseitig!) wahrnehmen können. [...] Gesetzt den Fall, zwei oder mehr Personen geraten einander ins Feld wechselseitiger Wahrnehmung, dann führt allein diese Tatsache schon zwangsläufig zur Systembildung." "Interaktionssysteme bilden sich, wenn die Anwesenheit von Menschen benutzt wird, um das Problem der doppelten Kontingenz durch Kommunikation zu lösen. Anwesenheit bringt Wahrnehmbarkeit mit sich und insofern strukturelle Kopplung an kommunikativ nicht kontrollierbare Bewußtseinsprozesse. Der Kommunikation selbst genügt jedoch die Unterstellung, daß wahrnehmbare Teilnehmer wahrnehmen, daß sie wahrgenommen werden. [...] Mit Hilfe dieser Differenz von anwesend/abwesend bildet die Interaktion eine auf sie selbst bezogene Differenz von System und Umwelt, die den Spielraum markiert, innerhalb dessen sie ihre eigene Autopoiesis vollziehen, eine eigene Geschichte produzieren, sich selbst strukturell determinieren kann. Wer immer als anwesend behandelt wird, ist dadurch an der Kommunikation beteiligt. Die komplexe, aus Information, Mitteilung und Verstehen zusammengesetzte Operationsweise der Kommunikation wirkt so wie eine Einfangvorrichtung, der sich kein Anwesender entziehen kann." Nach diesen ausführlichen Verweisen auf das Prinzip der Anwesenheit und der damit verbundenen wechselseitig reflexiven Aufmerksamkeit können beispielhaft als Interaktionssysteme ausgewiesen werden: die lockere Unterhaltung an der Theke oder im Restaurant, der flüchtige Kontakt auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, das Flirten in der Diskothek oder auch der One-night-stand danach, der Sprechstundenbesuch beim Dozenten oder beim Arzt, die Friedensdemonstration, das mit Anderen wechselseitig geteilte Leid des kilometerlangen Sommerstaus auf der Autobahn, das Telefongespräch etc. Allen diesen Beispielen ist gemeinsam, dass eine soziale Situation durch die wechselseitig aufeinander bezogene Aufmerksamkeit entsteht und fortan die Kommunikation entlang irgendwelcher Selektionskriterien der Themenwahl geführt wird. Mit dem Abbruch der körperlich geteilten Anwesenheit des jeweiligen Wahrnehmungsraums hört jedoch der Kommunikationsprozess auf. Das Interaktionssystem als aktuelles Situationssystem hat sein (vorläufiges) Ende gefunden. Die Beteiligten können davor noch Adressen ausgetauscht haben, einen neuen Ort und Termin festgelegt haben oder auf den freundlichen Zufall setzen, um die Geschichte des Interaktionssystems wieder aufzunehmen respektive fortzusetzen, aber mit der aktuellen Loslösung der Beteiligten bricht diese einfach strukturierte soziale Situation zusammen. Dieses Moment der reflexiv wechselseitigen, den oder die Anderen als anwesend behandelnden, Wahrnehmung führt – worin auch immer der Anlass und die Kontingenz der Anfangsbedingung bestanden haben mag – zu einer je eigenen Geschichte und Strukturierung des Interaktionssystems. Sobald unter der Bedingung der Anwesenheit zwangsläufig die interaktionale Kommunikation angelaufen ist, konstituiert ihr jeweilig fortlaufender Prozess bestimmte Strukturen, die festlegen, in welche Richtungen weitere Kommunikation möglich ist und in welche eher nicht. Sowohl mit dem Beginn als auch mit jedem weiteren Anschluss von interaktionaler Kommunikation ist nicht mehr alles kommunikativ möglich, es entstehen bestimmte Verhältnisse gegenseitiger Erwartungen, und mit der prozessierten Aktualität muss die Interaktion auf Erfolgswahrscheinlichkeiten ihrer Fortsetzung Rücksicht nehmen und diese sensibel einstellen. In besonderer Weise lassen sich der Selektionsprozess des Interaktionssystems, seine Geschichte und die Wahrscheinlichkeit der zukünftigen Fortsetzung am dritten wichtigen, neben Anwesenheit und Aufmerksamkeit, Grenzbildungs- und Konstitutionsprinzip beobachten: am Thema. Das Thema fungiert als Struktur und Programm (vgl. Luhmann 1975b, 24f., Luhmann 1984, 214ff. und Kieserling 1996, 270). Mit dem Thema wird die Komplexität der Umwelt des Interaktionssystems auf eine bestimmte Aktualität hin reduziert und gleichsam eine strukturelle Selektionsofferte ins Spiel gebracht, die Anschlussfähigkeit gewährleisten soll. Zum Thema tritt die Form des Beitrags, die als Mitteilungsgeschehen an das eingeführte bzw. vorherige Thema anschließt oder selbst ein neues Thema offeriert. Themen koordinieren Beiträge, und Beiträge bestätigen oder verändern Themen. So konstituiert sich das Interaktionssystem folglich qua thematischer Engführung eines bestimmtes Gebietes und reproduziert sich durch Anschlussbeiträge an das Thema. Wie lange jeweils die thematische Konzentration prozessiert wird, welches Thema von welchem neuen Thema abgelöst wird und abgelöst werden darf und welche thematischen Strukturen sozial verträglich sind, dies entscheidet das Interaktionssystem in autonomer Weise nach Maßgabe seiner selbstreferentiell geschlossenen Operationsweise. Als intensives Studium hinsichtlich der thematischen Virulenz, der raschen Zeitabfolge unterschiedlicher rekursiver Beitragssequenzen und schließlich der emergenten Ordnungseinheit, also der informationellen und operationellen Autonomie von den jeweils beteiligten Personen, von Interaktionssystemen bietet sich die (teilnehmende) Beobachtung z.B. eines Alltagsgesprächs auf einer Party, im Zug oder auf Veranstaltungen an. Die thematische Konzentration ist in Interaktionssystemen immer einer sehr niedrigen Toleranzschwelle ausgesetzt. Jeder der Anwesenden kann prinzipiell ein Thema ablehnen bzw. als Zumutung qualifizieren und ein neues Thema in den sozialen Kontext 'einspeisen' – in der Erwartung, Beitragsakzeptanz zu finden. Vornehmlich werden die Anwesenden sich hinsichtlich der niedrigen Toleranzschwelle erst einmal voreinander abtasten und vorsichtig antesten, welche gegenseitigen Erwartungen latent mitlaufen, statt gleich thematisch 'mit der Tür ins Haus zu fallen'. Jeder Selbstversuch wird bestätigen, dass das Interaktionssystem aufgrund seiner strukturellen Fragilität und geringen sozialen Belastbarkeit sehr schnell kollabieren wird, wenn beim ersten Flirtkontakt das Thema sexuellen Interesses, beim Arztbesuch das Thema zuletzt im Fernsehen gezeigter Krankenhausserien oder Dokumentationen über Kurpfuscherei oder beim Friseur das Thema über den eigenen ansteckenden Virus mitgeteilt wird. Besonders die im Thema mitlaufend beobachteten Momente von Sympathie versus Antipathie, Taktgefühl versus Taktlosigkeit oder Vertrautheit versus Fremdheit dienen dem Interaktionssystem zur Selbstkontrolle und bestimmen dessen weitere Entwicklung oder dessen Abbruch. Zu diesem Aspekt der interaktionalen, qua Thema prozessierten Selbstkontrolle führt Luhmann aus: "Bemerkenswert ist ferner, daß das Thema auch bewußt zur Kontrolle des Systems eingesetzt werden kann, indem man auftretende Störungen oder Probleme 'formuliert', das heißt sprachlich auf den Kontext des Sprechens bezieht, oder gar 'thematisiert', das heißt ins Zentrum gemeinsamer Aufmerksamkeit bringt. Man kann sich einem Hinzutretenden zuwenden, ihn begrüßen und damit in das System aufnehmen; man kann Interaktionsschwächen der Teilnehmer aussprechen; man kann das Thema selbst zum Thema machen, die Themenentwicklung als Entscheidungsfrage stellen, eine Abweichung vom Thema schelten. Neben der Thematisierung des Themas dient schließlich eine taktvolle Verständigung über das Thema, seine Grenzen, seine Entwicklungsmöglichkeiten der Systemkontrolle. Man vermeidet peinliche Themen oder man verhält sich der Peinlichkeit von Themen entsprechend vorsichtig, aufgeschlossen, distanziert. Ja, es kann Fälle geben, in denen das eigentliche Thema nicht zum offiziellen Thema gemacht werden kann, trotzdem aber das System latent beherrscht, weil die Beteiligten diesen Status des Themas kennen, akzeptieren und sich mit Umschreibungen behelfen." Mit der Konstitution, der Strukturierung und der laufenden Selbstkontrolle durch das Thema gewinnen das Thema und die Anbindung von Beiträgen an das Thema für jedes einfache Sozialsystem eine zweifache Funktion: Sie bilden zum einen die Erzeugungsregel und zum anderen ermöglichen sie die gemeinsame Erinnerbarkeit der Systemgeschichte (vgl. Luhmann 1975b, 27). Als weiteres Grenzbildungsprinzip verbindet sich mit der Elastizität der Themenentwicklung und der Systemgeschichte der Anwesenden: die Zeitdimension. Zum einen taucht zeitlich die Sequenzialisierung der Beiträge im Nacheinander auf. Während in der Gesellschaft gleichzeitig beliebig viele Themen kommuniziert werden können, ist ein Interaktionssystem auf die aktuelle Beschränkung auf ein Thema angewiesen, auf das alle Anwesenden ihre Konzentration und ihre (potentiellen) Beiträge auszurichten haben. Gleichzeitiges Tuscheln in der Konferenz, anhaltendes Kichern im Gottesdienst oder studentische Freizeitgespräche während der Vorlesung absorbieren Aufmerksamkeit, stören das Interaktionssystem und lenken vom aktuellen Thema ab. Der Vorteil des Themas für die Struktur des Interaktionssystems impliziert qua gebundener Exklusivität damit den Nachteil des Nacheinander der Gleichzeitigkeit. 3. Die zeitliche Dimension der SozialsystemeZur zeitlichen Dimension des thematischen Nacheinander und der damit verbundenen zeitaufwendigen Strukturierungsanstrengung einfacher Sozialsysteme führt Luhmann aus: "Mehrere Themen können nur im Nacheinander behandelt werden. Die Beteiligten müssen ihre Beiträge auf das jeweils aktuelle Thema beschränken, oder sie müssen versuchen, eine Themenänderung durchzusetzen. Das kann zu stillen Machtkämpfen, zu Kämpfen um den Mittelpunkt der Szene und um die Aufmerksamkeit der anderen führen. Es gibt schon auf der ursprünglichen Ebene elementarer Interaktion von Angesicht zu Angesicht keine Sozialsysteme mit gleichverteilten Chancen. Vor allem aber ist das Erfordernis thematischer Konzentration ein sehr zeitraubendes Strukturprinzip. Alle Beiträge werden in die Form des Nacheinander gezwungen. Das kostet Zeit. Außerdem ist die lineare Form der Sequenz ungünstig für die Koordination sachlich sehr komplexer Kommunikationen. Alles in allem können Systeme, die unter diesen strukturellen Beschränkungen operieren, keine sehr hohe Komplexität erreichen: weder in ihren eigenen Möglichkeiten, noch in ihren Umweltbeziehungen." Die andere zeitliche Eigenheit von Interaktionssystemen liegt in deren temporalisierter Instabilität und Diskontinuität. Aufgrund des Konstitutionsprinzips der körperlichen Anwesenheit besteht für diese üblicherweise face-to-face ausgebildete Situation ein enorm hoher Zwang des kommunikativen Anschlusses. Wer mit seinen Gedanken nicht mehr dem Thema folgt, keine möglichen Beitragsvarianten vorentwirft, sich vom Schlaf übermannen lässt oder längere Zeit schweigt, der blockiert die Fortsetzungsmöglichkeit des Themas und damit die Reproduktion des Interaktionssystems. Das einfache Sozialsystem ist nicht in der Lage, zeitliche Brüche langfristig auszuhalten oder anderweitig sozial zu überbrücken. Es macht geradezu seinen Operationsmodus aus, dass eine sofortige und direkte kommunikative Bezugnahme erfolgt, sich also in rascher Abfolge selbstreferentiell Mitteilungshandeln an Mitteilungshandeln reiht. Die einzelnen Sequenzen von Information und Mitteilung einerseits und sozialem Verstehen andererseits sind hochgradig aneinander gebunden und zeitlich strikt gekoppelt. Nach dem temporal erzeugten Ende eines Interaktionssystems, insofern kein kommunikativer Anschluss mehr stattgefunden hat, können die ehemals Beteiligten zwar in der Zukunft wieder eine neue interaktionale Situation konstellieren, diese bleibt jedoch anfangs wiederum unwahrscheinlich und muss erst wieder zu ihrer thematischen Bestätigung und ihrer Systemgeschichte finden. Von daher weisen Interaktionssysteme, in besonderem Gegensatz zu Organisations- und Funktionssystemen, eine zeitliche Diskontinuität und einen langsamen Aufbau strukturierten Systemgedächtnisses auf. Unter jeweils neuen Bedingungen der Fortsetzung der Interaktion und Rückbindung an bereits vollzogene Interaktionsereignisse kann die Vergangenheit bestimmte Selektionsofferten und Anschlusswahrscheinlichkeiten parat halten, muss es aber nicht – und plötzlich nimmt alles einen anderen Weg. Wenn die ehemals Beteiligten sich nicht mehr für 'ihr Geschwätz von gestern' interessieren und dadurch keine thematische Erwartungskontrolle aufbauen können, müssen neue thematische Strukturen und Kontinuitäten vollzogen und ausgetestet werden. "Zunächst und zumeist sind einfache Systeme Situationssysteme, die mit dem Auseinandergehen der Teilnehmer zu existieren aufhören. Schon kürzere Pausen in der Interaktion bringen das System an den Rand der Auflösung. In dem Maße, als Interesse an längerfristiger Fortsetzung der Interaktion aufkommt, muß das System die paradoxe Leistung vollbringen, Kontinuität durch Unterbrechung der Kontinuität zu erreichen. Die Anwesenden müssen sich trennen, denn sie können nicht ununterbrochen zusammenbleiben, verabreden aber ein Wiedersehen. [...] Man muß über den Zufall der Begegnung hinaus den Sinn der Zusammenkunft reflektieren, Orte, Zeitpunkte und Teilnehmer für die Fortsetzung des Kontaktes vereinbaren und Gründe dafür angeben können." 4. ZusammenfassungDiese Schwierigkeiten des thematischen Ordnungsprinzips, der hochgradigen Gebundenheit an körperliche Anwesenheit und an wechselseitig reflexive Aufmerksamkeit, der zeitlichen Instabilität und Diskontinuität und schließlich der begrenzten personalen Erreichbarkeit hinsichtlich aller aktuell Abwesenden führen in der soziokulturellen Evolution zur Ausdifferenzierung anderer Systemtypen. Die gesellschaftliche Erzeugung höherer Systemebenen absorbiert die Probleme des Interaktionssystems und bedient die Übersetzung interaktional unwahrscheinlicher Kommunikationen in wahrscheinliche. Diese Problemlösung von kommunikativer Unwahrscheinlichkeit bezieht sich im wesentlichen auf die Erreichbarkeit, den Ordnungsaufbau und den erwartbare Anschlusserfolg. Organisationssysteme ersetzen etwa zufällige Anwesenheit durch verbindliche Mitgliedschaft sowie Themenbeliebigkeit durch spezifische 'Themenzumutungen' bzw. Beschränkung von Beitragsmöglichkeiten. Funktionssysteme ersetzen auf einer höheren gesellschaftlichen Ebene die Kommunikationsmöglichkeit via Anwesenheit durch die generelle kommunikative Erreichbarkeit und durch die generelle Beteiligungsgarantie aller an allen unterschiedlichen funktionssystemspezifischen Kommunikationen. Wir fassen nunmehr einige Grenzbildungsprinzipien des Interaktionssystems zusammen und weisen sie als Formen mit ihrer jeweilig positiven Seite der Konstitution und ihrer jeweilig negativen Seite des Nichtzustandekommens oder Blockierens aus: anwesend/abwesend; Themenannahme/Themenablehnung; reflexiv wechselseitig aufmerksame Wahrnehmung/einseitige Wahrnehmung; Beitragskommunikation/Gedanken über Beiträge. (Für weiterführende Studien auf dem Gebiet der Interaktionssysteme sind neben Luhmann die Publikationen von Kieserling 1996 und Kieserling 1999 empfehlenswert.)
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