| John L. Austin: Tradition und Wirkung |
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Inhaltsverzeichnis1. Tradition2. Wirkung
1. TraditionJohn L. Austin wird vielfach als derjenige Autor angegeben, der als erster den Handlungscharakter sprachlicher Äußerungen erkannt hat. "Eigentlich ist es ein Skandal. Und zwar ein beschämender Skandal für alle diejenigen, welche sich in den letzten 2500 Jahren in irgendeiner Weise mit Sprache beschäftigten, daß sie nicht längst schon vor J.L. Austin dessen Entdeckung machten, deren Essenz man in einem knappen Satz ausdrücken kann: Mit Hilfe von sprachlichen Äußerungen können wir die verschiedensten Arten von Handlungen vollziehen. Besonders merkwürdig ist es, daß selbst nach dem 'linguistic turn' in der neuzeitlichen Philosophie mehrere Jahrzehnte vergehen mußten, bis ein Philosoph die Entdeckung machte, daß es so etwas wie Sprechakte gibt." Auch Austin selbst geht davon aus, dass die Eigenschaft sprachlicher Äußerungen, Handlung zu sein, von ihm als erstem systematisch beschrieben wurde. "Die Erscheinung, um die es geht, ist sehr verbreitet und liegt ganz offen zutage; hier und da müssen andere sie bemerkt haben. Aber ich habe noch niemanden gefunden, der sich richtig darum gekümmert hätte." Sowohl Austin als auch Stegmüller haben sich geirrt bzw. nicht sorgfältig genug recherchiert. Der deutsche Phänomenologe und Rechtsphilosoph Adolf Reinach hat bereits 1913 im Rahmen seiner Theorie der sozialen Akte die Handlung des Versprechens und andere Sprechakte analysiert (vgl. Reinach 1989, 158ff.). Er entwickelte schon hier eine systematische Theorie der verschiedenen Typen von Sprechakten und vertrat explizit die Auffassung, dass solche Phänomene wie Bitten, Befehlen, Versprechen, aber auch Feststellungen in den Bereich der Handlungen gehören. "Das ändert, so muß man hinzufügen, jedoch nichts oder nicht viel an Austins philosophie- und wissenschaftsgeschichtlicher Leistung, denn er hat ja 1. das Problem des sprachlichen Handelns und alle damit zusammenhängenden Fragestellungen in der Wittgenstein - Nachfolge in aller Bewußtsein gerückt, 2. unabhängig von Reinach seine Theorie der Sprechakte entwickelt und 3. ein brauchbares Kategorieninventar geschaffen ..." Austins Arbeiten sind insgesamt - methodisch betrachtet - der sprachanalytischen Philosophie zuzurechnen, seine Theorie der Sprechakte gehört thematisch in den Bereich der Sprachphilosophie. Zwischen Sprachphilosophie und sprachanalytischer Philosophie muss streng unterschieden werden. Der Begriff der 'Sprachphilosophie' bezieht sich auf den zu erforschenden Gegenstand, nämlich die Sprache überhaupt. Der Begriff 'sprachanalytische Philosophie' hingegen bezeichnet eine bestimmte Art des Philosophierens, die davon ausgeht, dass die von der Philosophie zu bearbeitenden Problembereiche auf dem Weg sprachlicher Analyse anzugehen sind. Hier ist also kein bestimmter Gegenstandsbereich angesprochen, sondern vielmehr eine bestimmte Methode des Philosophierens. Man philosophiert nicht über die Sprache, sondern mit Hilfe der Sprache oder besser durch die Analyse der Sprache, man könnte auch sagen, es geht nicht um eine Disziplin, sondern um eine methodische Disziplinierung. "Die philosophische Erforschung der Sprache hat für die Analytische Philosophie von jeher eine Sonderrolle gespielt. Extern betrachtet wird die Analytische Philosophie, die ja auch 'sprachanalytische Philosophie' genannt wird, häufig schlichtweg mit Sprachphilosophie gleichgesetzt. Das ist ein verständliches Mißverständnis; ein Mißverständnis deshalb, weil die Sprache nur ein Gegenstand philosophischen Nachdenkens unter anderen ist, nicht einmal besonders wichtig und keineswegs einziges Thema der Analytischen Philosophie; verständlich deshalb, weil die spezifisch analytischen Verfahren immer wieder von Feststellungen über Eigenheiten des Sprachgebrauchs, über Bedeutungskriterien und dergleichen Gebrauch machen und diese gewöhnlich erst selbst erarbeiten müssen, so daß ein Gutteil der Methode, auch soweit sie in der Behandlung von Problemen auf ganz anderen Gebieten erarbeitet wird, im Erforschen der Sprache besteht." Die Sprachphilosophie ist also jene philosophische Disziplin, die sich mit der Sprache befasst, die sprachanalytische Philosophie eine bestimmte philosophische Methode. Allerdings lässt sich natürlich auch der Bereich der Sprache mit Hilfe sprachlicher Analyse bearbeiten, dann lässt sich von sprachanalytischer Sprachphilosophie sprechen. Die sprachanalytische Philosophie ist eine zeitgenössische, vor allem im angelsächsischen und skandinavischen Raum verbreitete philosophische Bewegung, als deren 'Urväter' die Philosophen Gottlob Frege, George Edward Moore und Bertrand Russell gelten können. Die sprachanalytische Philosophie sieht ihre Aufgabe vor allem in einer sprachkritischen Klärung philosophischer und wissenschaftstheoretischer Fragestellungen. Wenn sich auch die einzelnen Vertreter dieses philosophischen Ansatzes über die Notwendigkeit einer sprachkritischen Wende (linguisitc turn) der Philosophie einig sind, so unterscheiden sich die Verfahren der Sprachanalyse bzw. die Auffassungen über Sprache und die damit verbundenen Zielsetzungen jedoch erheblich. Der Ausdruck sprachanalytische Philosophie bezeichnet somit keine kohärente philosophische Schule, sondern philosophische Strömungen, die zwar gewisse Grundvoraussetzungen gemeinsam haben, sich untereinander jedoch in mehrfacher Hinsicht voneinander abgrenzen. Es lassen sich (zumindest) zwei Grundströmungen der sprachanalytischen Philosophie differenzieren: die Philosophie der idealen Sprache (ideal language philosophy) und die Philosophie der normalen Sprache (ordinary language philosophy). Die Philosophie der idealen Sprache ist eine Traditionslinie, die – grob gesprochen – von Gottlob Frege ausgehend, über Bertrand Russell, den frühen Wittgenstein des 'Tractatus' und Rudolf Carnap bis hin zu Williard van Orman Quine reicht. Die Philosophie der idealen Sprache mündet – verkürzt gesagt – in der Auffassung, dass alle philosophischen Fragen letztlich logische Fragen seien, und dass Philosophie nichts anderes sein kann als die logische Analyse der wissenschaftlichen Begriffe und Aussagen. Objekte der analytischen Philosophie sind nicht mehr Dinge, Sachverhalte und Ereignisse, sondern Aussagen, Begriffe und Axiome, deren Sinnerklärung um der wissenschaftstheoretischen Grundlegung einer Einheitswissenschaft willen durchgeführt werden muss. Autoren, die zur Philosophie der idealen Sprache gerechnet werden, zeichnen sich methodisch dadurch aus, dass sie mittels einer logischen Analyse der Sprache eine Idealsprache zu konstruieren versuchen, welche die Mängel der normalen Sprache, das Aufstellen sinnloser Sätze und damit die Scheinprobleme der Philosophie vermeidet. Eine der einflussreichsten Theorie der Philosophie der idealen Sprache ist die 'Verifikationstheorie der Bedeutung', die durch den Slogan charakterisiert werden kann, die Bedeutung eines Satzes bestehe in der Methode seiner Verifikation, d.h. die Bedeutung eines Satzes besteht in der Menge der aus ihm logisch ableitbaren Sätze, welche unmittelbar beobachtbare Sachverhalte beschreiben. Die Philosophie der normalen Sprache hingegen bezeichnet eine Arbeitsweise innerhalb der analytischen Philosophie, welche für die Klärung, Auflösung und Lösung philosophischer Fragen allein die Ausdrucksmittel der alltäglichen Gebrauchssprache verwendet und in ihren Untersuchungen und Argumentationen auf Feststellungen über die normale Sprache zurückgreift. Dies ist eine Traditionslinie, die – grob gesprochen – von George Edward Moore über Gilbert Ryle und dem späten Ludwig Wittgenstein der 'Philosophischen Untersuchungen' bis hin zu John L. Austin reicht. Austin wird normalerweise der Philosophie der normalen Sprache zugerechnet. Er grenzt sich explizit von der Philosophie der idealen Sprache, insbesondere dem Verifikationismus ab. Zugleich aber wendet er sich auch gegen einige grundlegenden Annahmen der Philosophie der normalen Sprache, insbesondere der "Gebrauchstheorie der Bedeutung" im Wittgensteinschen Sinn. Am Verifikationismus kritisiert Austin vor allem, dass bei der Analyse von Sprache immer noch Aussagen im Mittelpunkt der Untersuchung stehen. Dieser Ansatz bleibt also wesentlich dem verhaftet, was Austin den deskriptiven Fehlschluss (descriptive fallacy) nennt. An der Gebrauchstheorie der Bedeutung im Sinne Wittgensteins bemängelt Austin vor allem die Auffassung, dass es unendlich viele Gebrauchsweisen sprachlicher Ausdrücke gäbe. Austin vertritt hingegen die These, dass es vielleicht eine Vielzahl von Gebrauchsweisen geben mag, diese aber letztlich doch übersehbar und klassifizierbar seien. "Aber selbst wenn es etwa zehntausend Gebrauchsweisen der Sprache geben sollte, so können wir sie gewiß zu aller gegebenen Zeit in geordneter Form zusammenstellen. Die Zahl ist schließlich nicht größer als die Anzahl der Käferarten, die aufzulisten sich die Entomologen bemüht haben." Im Gegensatz zu einigen anderen Vertretern der Philosophie der normalen Sprache ist Austin auch nicht der Meinung, dass die Analyse des alltäglichen Sprachgebrauchs für die Lösung philosophischer Probleme ausreiche, er versteht seine Methode der linguistischen Phänomenologie vielmehr als eine heuristische Vorgehensweise, einen ersten Schritt, der als Grundlage für weitere Untersuchungen dienen kann. Trotzdem ist die sprachanalytische Philosophie für Austin ein positiver Ansatz, der zu einer Wende in der Philosophie geführt hat. "Worin auch immer die Mängel dieser beiden Bewegungen – der »Verifikations-« und der »Sprachgebrauchs-« Bewegung – bestehen mögen, so haben sie doch unleugbar eine gewaltige Umwälzung der Philosophie herbeigeführt, und viele würden sagen, daß es die heilsamste in ihrer gesamten Geschichte gewesen ist. (Was, wenn man einmal darüber nachdenkt, kein sehr unbescheidener Anspruch ist)."
2. WirkungAustin hatte primär durch seine Lehrtätigkeit und seine Persönlichkeit Einfluss auf seine Schüler und Mitarbeiter. Nach seinem Tod verlor die Oxforder Schule der sprachanalytischen Philosophie schnell an Bedeutung. Wesentlichen Einfluss hat das posthum herausgebrachte Werk "How to do things with Words" auf die Entwicklung der Sprechakttheorie in der Sprachphilosophie und der linguistischen Pragmatik. Bereits 1957 wurde Austins Untersuchung von H. Paul Grice in seinem Aufsatz "Meaning" aufgenommen, der hier eine intentionalistische Bedeutungstheorie entwirft. Grice entwickelt hier – und in weiteren Aufsätzen (s. Grice 1989) – eine Theorie der Kommunikation als eine Theorie des Meinens, d.h. eine Theorie der rationalen Verständigung, die davon ausgeht, dass der Sprecher einer Äußerung kommunikative Absichten hat, die der Hörer aufgrund der Äußerung erkennen kann; gewisse Intentionen, die in einer Kommunikationsgemeinschaft mit einer Äußerung verfolgt werden, konstituieren letztlich deren sprachliche Bedeutung. Peter F. Strawson versuchte 1964 in "Intention and convention in speech acts" die Ansätze von Austin und Grice zu verbinden. John R. Searle hat dann 1969 in "Speech Acts" und in einer Reihe von Aufsätzen, die zum größten Teil in dem Sammelband "Expression and Meaning" von 1979 versammelt sind, Austins grundlegenden Ansatz modifiziert, erweitert und zur Sprechakttheorie in ihrer heutigen Form ausgearbeitet. Eine breite Diskussion zur Sprechakttheorie ist im Anschluss an Austin und Searle in den siebziger Jahren in der deutschen Linguistik, insbesondere von Dieter Wunderlich und seinen Mitarbeitern, ausgelöst worden (Wunderlich 1972; Wunderlich/Maas 1972; Wunderlich 1976). Hier geht es vor allem um die Analyse des Zusammenhangs der Interessen des Sprechers mit dem erweiterten Handlungs- und Arbeitskontext in einer auf Kooperation und Arbeitsteilung angewiesenen Gesellschaft, in die Sprechhandlungen eingebettet sind. Ferner gehen die sprechakttheoretischen Ansätze von Austin und Searle in die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas ein. Habermas identifiziert vier Klassen von Sprechakten, die den Charakter pragmatischer Universalien haben, da sie die Bedingungen der Möglichkeit verständigungsorientierten Sprachgebrauchs darstellen: Konstativa (für den kognitiven Modus der Kommunikation), Repräsentativa bzw. Expressiva (für den expressiven Modus der Kommunikation), Regulativa (für den interaktiven Modus der Kommunikation) und Kommunikativa. In diesen Sprechakten artikulieren sich universale Geltungsansprüche, die ein Sprecher unvermeidlich mit einer Äußerung erhebt, nämlich auf Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Richtigkeit und Verständlichkeit. Ein Sprechakt wird genau dann verstanden, wenn die Bedingungen seiner Akzeptabilität erkannt werden. Diese pragmatischen Universalien stellen für Habermas die Bedingungen für den Entwurf einer idealen Sprechsituation dar, und er leitet daraus die für seine Gesellschaftstheorie zentrale Unterscheidung zwischen "kommunikativem Handeln" und "Diskurs" ab. Die ursprüngliche Sprechakttheorie Austins hat bis heute eine ganze Reihe von Modifikationen und Erweiterungen erfahren. Sie ist auch in vielfacher Hinsicht kritisiert worden, z.B. bezüglich ihrer Orientierung auf einzelne Äußerungen und der damit einher gehenden Vernachlässigung der Relevanz von Interaktionssequenzen für sprachliche Äußerungen sowie ihrer Betonung des Sprechers und der damit einher gehenden Vernachlässigung der Bedeutung des Hörers für die kommunikative Verständigung. Die große Bedeutung der Sprechakttheorie von Austin ist wohl darin zu sehen, dass sie den Handlungscharakter sprachlicher Äußerungen und die Bedeutung des Handlungskontextes für die Klärung der Gebrauchsweise von Sprache in das Bewusstsein gerückt hat.
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