John L. Austin: Methode PDF Print

Inhaltsverzeichnis

1. Hintergrund

1.1.Drei Phasen

2. Das Prinzip der natürlichen Ökonomie

3. Drei Funktionen der Methode der linguistischen Phänomenologie

 


 

1. Hintergrund

Austin gilt neben Ludwig Wittgenstein als einer der einflussreichsten Vertreter der Philosophie der normalen Sprache (Ordinary Language Philosophy). Sein Einfluss war jedoch weniger der eines philosophischen Autors, als vielmehr der eines akademischen Lehrers. Den Sinn philosophischer Lehre sah Austin nicht in der Verbreitung philosophischer Lehrmeinungen, sondern vor allem im Training der Studierenden in methodischem Denken, um so Klarheit über ein bestimmtes Wissensgebiet zu erlangen (vgl. DiGiovanni 1989).

Die philosophische Diskussion der Gegenwart hat Austin neben seiner bedeutsamen sprachphilosophischen Leistung – der Theorie der Sprechakte – vor allem durch seine methodische Vorgehensweise beeinflusst.

Austins Philosophie der normalen Sprache versteht sich nicht nur als eine Philosophie, die sich mit Problemen der Sprache beschäftigt, sondern sie bildet ihrem Selbstverständnis nach einen möglichen Ausgangspunkt für die Analyse einer Vielzahl philosophischer Probleme. Sie ist also hauptsächlich sprachanalytische Philosophie und allein in thematischer Hinsicht Sprachphilosophie.

Austin selbst hat seine Methode des Philosophierens als "linguistische Phänomenologie" bezeichnet.

In den Aufsätzen "A Plea for Exuses" (1956/57, dt.: Ein Plädoyer für Entschuldigungen, 1975) und "Three Ways of Spilling Ink" (1958, dt.: Drei Möglichkeiten, Tinte zu verschütten, 1975) formulierte Austin am ausführlichsten die wichtigsten Argumente für diese Methode und skizziert seine Vorgehensweise.

Auf den Punkt gebracht, geht die linguistische Phänomenologie vor,

"indem man untersucht, was wir sagen würden, und so auch warum und was wir damit meinen."
(Austin 1975, 185)

Eine Grundüberlegung, die ein Philosoph anstellen sollte, wenn er sich einem bestimmten Problem zuwendet, besteht darin, dass er sich fragen muss, wie die im Zusammenhang mit diesem Problem relevanten Wörter in bestimmten, konkreten Situationen gebraucht werden. Die Umgangssprache wird demgemäß zu einem ausgezeichneten Medium der philosophischen Reflexion.

1.1. Drei Phasen

Konkret schlägt Austin für ein solches Verfahren drei Phasen vor (vgl. Graham, J.L. Austin 1977, 32ff.):

  1. Zunächst sollte man eine möglichst komplette Sammlung aller Ausdrücke, die für das Gebiet, über das man nachdenkt, relevant sind, erstellen. Zu diesem Zweck kann man etwa auf ein Wörterbuch zurückgreifen und den Querverweisen der einzelnen Einträge folgen, um einen (möglichst) vollständigen Überblick zu gewinnen. Interessiert man sich etwa für das Problem von Verantwortung und Schuld, dann sollte man mit Begriffen wie 'Unfall', 'bezweckt', 'absichtlich', 'überlegt', 'Versehen' usw. beginnen und ein Wörterbuch solange gründlich durcharbeiten, bis es zu Wiederholungen kommt. Danach kann man andere relevante Literatur – etwa juristische Texte – hinzuziehen, die weitere nützliche Hinweise geben.
  2. Verfügt man über eine fundierte Liste von Ausdrücken, gilt es in der nächsten Phase zu untersuchen, wie diese in spezifischen Situationen benutzt werden. D.h. es soll die tatsächliche Verwendungsweise dieser Ausdrücke in alltäglichen Kontexten studiert werden. Hinzu kommt die Analyse fiktiver Situationen, um die Unvollständigkeit und Mehrdeutigkeit der sprachlichen Ausdrücke zu erkennen, um festzustellen, was sie wirklich leisten können.
  3. An dieser Stelle hat man nach Austin eine Menge von Daten erhoben, die es in der dritten Phase zu erklären gilt:
"Hier wird es sich bei der Erklärung um eine Darstellung der Bedeutung der Ausdrücke handeln, die wir durch die Anwendung solcher Methoden wie »Übereinstimmung« und »Unterscheidung« zu erreichen hoffen: Was liegt tatsächlich in den Fällen vor, in denen wir einen Ausdruck überlegt gebrauchen, und was fehlt, wenn wir ihn nicht gebrauchen? Natürlich haben wir dann nicht mehr erreicht als eine Darstellung des gewöhnlichen Gebrauchs bestimmter »normaler« Begriffe, aber eben auch nichts Geringeres. Diese Begriffe haben sich gewöhnlich über eine lange Zeit hin entwickelt, d.h. sie haben die Prüfung des praktischen Gebrauchs und ständig auftretender schwieriger Fälle besser überstanden als ihre inzwischen verschwundenen Rivalen."
(Austin 1975, 328)

Das wohl unmittelbar auffälligste Merkmal dieser Methode ist ihr Umgang mit minimalen Differenzen im sprachlichen Ausdruck. So finden sich bei Austin im Verlauf seiner Argumentationen immer wieder subtilste sprachliche Unterscheidungen – wie etwa die zwischen absichtlichem (intentional), überlegtem (deliberate) und bezwecktem (on purpose) Vollzug einer Handlung (vgl. Austin 1975, 327ff.) oder zwischen 'aussehen wie' (to look), 'zu sein scheinen' (to seem) und 'erscheinen wie' (to appear) (vgl. Austin 1986, 33ff.), die bei ihm philosophische Bedeutung gewinnen.

2. Das Prinzip der natürlichen Ökonomie

Austin ging davon aus, dass die historisch gewachsenen Sprachen einem Prinzip natürlicher Ökonomie genügen, d.h. das Vokabular und die Grammatik repräsentieren eine Fülle von Unterscheidungen, Klassifikationen und dergleichen, die sich als nützlich erwiesen und deswegen im Gebrauch überlebt haben. Als besonders geeignet für seine Methode erscheinen Austin zum einen solche Untersuchungsbereiche, die durch einen hochentwickelten und differenzierten alltäglichen Sprachgebrauch gekennzeichnet, zum anderen aber noch nicht philosophisch 'kontaminiert' sind.

"Gleichzeitig sollten wir ein Gebiet vorziehen, das von der traditionellen Philosophie noch nicht zu versumpft oder ausgetreten ist, denn sonst ist die »normale« Sprache schon vielfach durch den Jargon ausgestorbener Theorien infiziert, und auch unsere eigenen Vorurteile, die wir als Vertreter und Abnehmer theoretischer Ansichten haben, kommen zu leicht und unbewußt ins Spiel."
(Austin 1975, 186)

Die 'Feldforschung' des sprachanalytischen Philosophen sollte sich auf Bereiche konzentrieren, die dem Zentrum eines philosophischen Diskurses benachbart sind. Wenn man sich mit Ästhetik beschäftigen will, sollte man sich also nicht mit dem Schönen auseinandersetzen, sondern eher mit dem alltäglichen Sprachgebrauch über das Plumpe oder das Niedliche. Auf diese Weise erhält man einen neuen Zugang zu traditionellen philosophischen Problemen.

Die bisherigen Ausführungen verdeutlichen, warum 'linguistisch' für diese Art des Philosophierens ein passendes Adjektiv ist; es stellt sich nun die Frage, warum Austin diese Methode als Phänomenologie bezeichnet. Austin verwendet diesen Ausdruck, um darauf hinzuweisen, dass es ihm nicht um die sprachliche Analyse allein geht, nicht allein um Worte und ihre Bedeutung, sondern um die Sache selbst.

"Angesichts des Umstands, daß das Schlagwort »normale Sprache« und solche Bezeichnungen wie »linguistische« oder »analytische« Philosophie oder »Sprachanalyse« grassieren, muß eines besonders hervorgehoben werden, um Mißverständnissen entgegenzuwirken. Wenn wir untersuchen, was wir wann sagen würden, so betrachten wir wiederum nicht nur Wörter (oder »Bedeutungen«, was auch immer das sein mag), sondern auch die Realitäten, zu deren Besprechung wir die Wörter verwenden. Wir gebrauchen unseren geschärften Wortverstand, um unseren Blick für die Phänomene – wenn auch nicht in letzter Instanz – zu schärfen."
(Austin 1975, 186)

Philosophische Sprachanalyse im Sinne Austins hat also nicht allein die Erfassung sprachlicher Strukturen zum Ziel, sondern beansprucht zugleich eine vertiefte Einsicht in die Struktur unserer Wirklichkeit. Hierbei werden dann nicht nur die Bedeutungen der Ausdrücke studiert, sondern es werden ebenso die Phänomene betrachtet, von denen diese Ausdrücke handeln, da die Sprache Unterscheidungen und Verbindungen enthält, die im Laufe von Generationen als wesentlich für die Auseinandersetzung des Menschen mit sich und seiner Welt angesehen wurden.

"... unser gemeinsamer Vorrat an Wörtern enthält alle Unterscheidungen und Verbindungen, die die Menschen im Laufe vieler Generationen für wichtig genug gehalten haben. Da sie die langwierige Prüfung für das Überleben des Tüchtigsten bestanden haben, sind sie wahrscheinlich zahlreicher, treffender und zumindest im Hinblick auf alle normalen und einigermaßen praktischen Angelegenheiten subtiler als diejenigen, die sich einer von uns am Nachmittag im Lehnstuhl ausdenken könnte, welche die am höchsten geschätzte Alternative ist."

(Austin 1975, 185/186)

Die sprachlichen Unterscheidungen, die sich im alltäglichen Leben über Generationen hinweg entwickelt und bewährt haben, sind nach Austins Auffassung ein solider Ausgangspunkt für philosophische Untersuchungen, sie können jedoch – in der theoretischen Reflexion – nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

"Gewiß ist die normale Sprache ... nicht das letzte Wort. Im Grunde genommen kann man sie an jeder Stelle ergänzen, verbessern und ersetzen. Man darf nur nicht vergessen, daß sie tatsächlich das erste Wort ist."

(Austin 1975, 185/186)

3. Drei Funktionen der Methode der linguistischen Phänomenologie

Die Methode der linguistischen Phänomenologie hat im Wesentlichen drei Funktionen: Eine klärende, eine kritische und eine heuristische Funktion (vgl. v. Savigny; Scholz 1992, 867ff.):

  1. Die klärende Funktion besteht darin, durch die Analyse unseres alltäglichen Sprachgebrauchs die Verwendung zentraler Begriffe zu klären und die zugrundeliegenden Differenzierungen zu verstehen.

  2. Die kritische Funktion ist im Wesentlichen darin zu sehen, bestehende philosophische Verwirrungen ad absurdum zu führen, indem man sie sozusagen auf den Boden der Tatsachen zurückbringt.

  3. Die heuristische Funktion besteht darin, von den subtilen Unterscheidungen unserer alltäglichen Sprachverwendung ausgehend, philosophische Hypothesen zu entwickeln, die dann an anderen Argumenten nachzuprüfen sind.

Neben der sprachanalytischen Methode der linguistischen Phänomenologie verdeutlicht Austin in "Ein Plädoyer für Entschuldigungen" eine weitere Vorgehensweise, die auch seine Auseinandersetzung mit performativen Äußerungen leiten wird.

Er untersucht Anomalitäten, um damit besser das herausarbeiten zu können, was wir als den Normalfall erfahren (vgl. Harras 1983, 62 ff.). Entschuldigungen werden ja hauptsächlich dann vorgebracht, wenn von jemandem gesagt wird, er hätte etwas getan, was schlecht, verkehrt, unmoralisch, unpassend oder irgendwie missglückt ist. Es erfolgen dann zumeist Rechtfertigungen oder Entschuldigungen.

Entschuldigungen zu untersuchen heisst, solche Fälle zu untersuchen,

"... in denen etwas Anomales oder Fehlerhaftes vorliegt; und wie es so oft der Fall ist, wirft das Anomale Licht auf das Normale und hilft uns, den blendenden Schleier des Leichten und Offenkundigen zu durchdringen, der den Mechanismus der natürlichen und gelungenen Handlung verbirgt."
(Austin 1975, 183)

Dies ist eine methodische Vorgehensweise, die ebenfalls in vielen sozialwissenschaftlichen Ansätzen zum Tragen kommt: Richte als Beobachter die Aufmerksamkeit zuerst auf das Anomale und Problematische, damit das, was als das Normale gilt, um so deutlicher wird.

Rechtfertigungen oder Entschuldigungen geben darüber hinaus Aufschluss über die verschiedenen Teile oder Stufen von Handlungen, die jeweils in Frage gestellt werden können. Dadurch lassen sich Handlungen nicht nur besser analysieren, sondern auch klassifizieren, da nicht jede Form der Entschuldigung oder Rechtfertigung für jede Form von Handlung oder Teilhandlung als zulässig angesehen wird.

Diese Vorgehensweise wendet Austin gleichermaßen zur Analyse von sprachlichen Handlungen an, auch hier geht er von missglückten Sprechakten aus, von Unglücksfällen, deren Analyse verdeutlicht, welche notwendigen Bedingungen bestimmten Äußerungen zugrunde liegen müssen, damit sie als geglückt beschrieben werden können.

 

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